Am Arbeitsplatz meiner Wahl kam es gestern zu einer hochnotpeinlichen Überprüfung unserer Regalaufbauten, Warenpräsentation, Preisauszeichnung, usw., extra zu diesem Zweck reisten zwei Unsymphaten aus der Firmenzentrale an und wenn ich Unsymphaten schreibe meine ich eigentlich gestriegelte Theoretiker, die niemals in ihrer Karriere nur ein Regal bestückt haben und auch noch nichts von der Tatsache wissen, daß Kunden mitunter Artikel aus dem Regal nehmen und an anderer Stelle wieder ablegen.
Obacht, es folgt ein längeres Traktat!
Nun gehört es zur Firmenphilosophie der Baumarktkette die Mitarbeiter durch Angst zu motivieren, Kollegialität abzustrafen und das Fußvolk permanent zu überfordern unter anderem mit 2-wöchentlich wechselnden Anleitungen wie bestimmte Aufbauten auszusehen haben. Daß es schwierig ist, bei diesem Wankelmut, alles auf dem gewünschten Stand zu halten ist verständlich, wird aber von beiden Pappenheimern natürlich nicht verstanden und mit ungläubigem Kopfschütteln abgetan. Auch, daß die Herren eigentlich nur die betreffende Abteilung zu sichten hatten interessierte diese nicht weiter, man begegnete ihnen in allen Ecken des Marktes (auch den unzugänglichen) und schliesslich nach 3-stündiger Inquisition wurde die Abteilungsleiterin ins Chefbüro zitiert, wo sie sich nochmal vor dem Chef von beiden Herren anhören musste was für eine schlampige Abteilung sie da doch führt. Die Tatsache, daß wir 3 Wochen lang nichts anderes als aufgeräumt, gefegt, aufgebaut, ausgepreist und nebenher alles auf den gewünschten Stand gebracht haben, wurde nicht ins Kalkül gezogen und die Abteilung sah wirklich aus wie geleckt, die besten Stellen wurden prompt nicht bewertet, weil zum Beispiel ein Pflanzentisch fehlte und so nimmt es nicht wunder, daß das Gesamtergebnis wohl verheerend ausfiel. Ich kann dazu nichts genaues sagen, denn ich bin nur ein Helot
und hatte den Herren aus dem Weg zu gehen und hinter den Kulissen Panikaufträge der Chefin auszuführen.
Mich würde ferner nicht wundern, wenn die Chefin bald nicht mehr Chefin ist aufgrund der Einsichten, die die Bonzen gewannen, dahinter steckt aber eher böses Kalkül, denn im Moment geht der Trend dahin die teuren und treuen Mitarbeiter mit Karacho aus dem Arbeitsverhältnis zu bugsieren. Ich mag mich in meinen Schlussfolgerungen täuschen und eigentlich sind diese auch gar nicht die gewünschte Quintessenz meines Monologs, eigentlich wollte ich nämlich darauf eingehen warum in dieser Firma die Großkopferten solche Blödmänner sind? Kamen die schon als Blödmänner in die Firma? Oder muss man sich diese Arroganz erst erarbeiten um dann aufsteigen zu können? Jeder Tag in dieser Frondienstableistungsmaschinerie lässt mich den Neoliberalismus und die oft angeprangerte soziale Kälte förmlich spüren, man könnte dem rauhen Wind sicherlich die Kraft rauben, wenn die Preis- und Mengenkalkulationen in dieser Firma etwas mehr auf realistischen Annahmen und weniger auf sensationsheischende Werbeeffekte ausgelegt wären, die Rendite ist unter diesen Bedingungen mehr als bescheiden, anders als die Umsatzerwartungen, die die Konzernzentrale an uns die Filiale und alle anderen Filialen stellt. Und weil eben im Verkauf kein Blumentopf zu gewinnen ist muss der Gewinn eben durch niedrigere Personalkosten erzielt werden, daß man sich damit auf lange Sicht ins eigene Knie schiesst, wird entweder billigend in Kauf genommen oder schlichtweg übersehen. Ich tippe auf Letzteres in Verbindung mit der Angst um den eigenen Kopf, denn auch der Chef sieht sich permanent Kontrolleuren und Aufforderungen zur Rechtfertigung gegenüberstehen. Große Teile des reibungsvollen Tagesablaufes in diesem Laden werden mittlerweile mit unterbezahlten Praktikanten mühsam aufrecht erhalten, ich persönlich finde 50 Euro für eine 40+ Stundenwoche herzlich wenig, daß die Praktikanten mit der Aussicht auf einen Ausbildungsplatz bei der Stange gehalten werden ist dabei besonders perfide, da mindestens 6 von ihnen um 3 Ausbildungsplätze buhlen. Sie haben aber keine andere Wahl, da neben Arbeitslosigkeit eben auch eine Lehrstellenmisere herrscht und es hinter jedem dieser Sklavenarbeiter genug junge Menschen stehen, die für diese schwammigen Konditionen und Zukunftschancen gern ihre Kraft auf und in den Markt werfen. Das der Chef teilweise eine Praktikumszeit von über 8 Monaten veranschlagt und den jungen Menschen bei erfolgreicher Aufnahme als Azubi nochmal 6 Monate Probezeit obendrauf legt, ist nur ein weiterer Hebel um Kosten zu drücken und sich diesen geringen Kosten notfalls auch noch entledigen zu können. Wäre ich gezwungen diesen Missständen noch länger als die 2 1/2 Monate, denen ich aktuell ins Auge sehe, zu ertragen, ich könnte depressiv werden.
Es stimmt mich froh, daß einige furchtlose Kollegen alles in die Wege geleitet haben, um einen Betriebsrat zu gründen, aber das Gros der Mitarbeiter hat wirklich Angst das Maul aufzureissen und diesen Berg an Missständen anzuprangern, ich hoffe für viele nette Menschen in diesem Markt, daß ein Betriebsrat gegründet wird, aber es mangelt vielen am nötigen Mut einem noch rauheren Wind von oben entgegenzutreten.
Eigentlich ist es zuviel Aufmerksamkeit, die ich diesem ganzen Komplex widme und ich hatte auch mal mit mir persönlich mit mir vereinbart diesem Job in der Freizeit nicht zu viele Gedanken zu widmen, aber die Ungerechtigkeiten bringen einen doch ins Grübeln, ohne eine Möglichkeit diesen Gedanken aus dem Weg zu gehen.
Neoliberalismus![]()

mit
am 1.3.2006 um 1:52 Uhr
[…] ja, das klingt wirklich nicht besondern mut-einflößend… […]
mit
am 1.3.2006 um 1:56 Uhr
tulek, manchmal habe ich das gefühl, daß du nur zu 90% passende wörter in die texte einbaust, um wieder einen technorati-link unterbringen zu können
*way to go*
mit
am 1.3.2006 um 12:16 Uhr
Also wenn das nicht 100%ig passt, was dann?
Oder war Deine Beobachtung eher allgemeiner Natur?
mit
am 3.3.2006 um 9:27 Uhr
irgendwie kann ich nicht mehr trackbacken… meine beobachtung war tatsächlich allgemeiner natur; darüberhinaus mag ich wörter wie “neoliberalismus” nicht, über deren definition allgemeine uneinigkeit besteht und die stark “emotional” vorbelastet sind. andere wörter dieser kategorie wären “propaganda”, “faschismus”, “terrorismus”. alle dazu angetan, uneinigkeit zu entfachen und an einander vorbei zu kommunizieren.
aber ich schweife ab, dein artikel hat mir gefallen…
mit
am 16.3.2006 um 21:15 Uhr
[…] Achtung! Es kommt mal wieder Content .Auf dem Heimweg von der ungeliebten Arbeit habe ich immer einen Fußweg zu bewältigen (hin zur Arbeit übrigens auch, aber andersrum) und während ich meine 1000 Schritte tu’ habe ich Zeit über Gott und die Welt nachzudenken.Und heute habe ich mit einigen hastigen Gedanken das Schreckgespenst Globalisierung mal eben im Vorbeigehen (Grüße aus Kalau) tot gemacht, vernichtet, den Wind aus den Segeln genommen. Das Thema ist doch schon fast durch in hundert Jahren, maximal hundetfünfzig Jahren wird niemand mehr wissen warum wir so einen Wind darum gemacht haben/machen, weil der Iran uns alle in einen Atomkrieg gebombt hat und die Menschheit vom Antlitz der Erde getilgt istalle ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Nehmen wir das Beispiel China, Werkbank der Welt, dort werden die Arbeitsbedingungen, Lohnentwicklung und Qualifikation(en) auch Stück für Stück besser, viele Billiglohnländer durchleben doch gerade das, was good ol’ Europe und god’s own country vor 200 Jahren vorweisen konnten: die industrielle Revolution. Natürlich arbeiten momentan viele Menschen in vielen Teilen dieser Welt für kargen Lohn und unter schlimmen Bedingungen, aber auch dort werden sich die Arbeitnehmer irgendwann stark genug fühlen bessere (und damit teurere) Arbeitsbedingungen einzufordern, natürlich haben die Landflüchtlinge keine Qualifikation um aufzubegehren und wenn warten die nächsten Landeier, aber dieser ganze Prozess ist doch endlich. Es ist jetzt gerade nunmal so, daß es Länder gibt in denen man für’n Appel und ‘n Ei schuftet, aber das ist der Ist-Zustand, historisch Betrachtet eine kurze Periode, später wird sich das Ganze nivellieren, wahrscheinlich zu unseren Ungunsten, aber Homogenität wird wieder hergestellt werden. Und darum muss ich keine Angst vor der Globalisierung haben, in 2-4 Generationen ist diese ganze Diskussion hinfällig. Ich sage nicht, daß wir noch eine Entschärfung des Konflikts erleben, aber unsere Kinder und Kindeskinder. Und es wird schneller gehen als die Zeitspanne von der ersten Dampfmaschine bis zu Bismarcks sozialen Reformen, natürlich rücken dann bestimmt afrikanische Staaten als Billiglohnländer nach, aber mit dem Anfang dieser Diskussion ist ein Ende in Sicht und ich bin jetzt zuhause.Globalisierung […]